Tausende Genossenschaftswohnungen in Gefahr

Wohnungen in Gefahr

Petra Kozojeds Friseursalon, Damenhaarschnitt ab 25 Euro, befindet sich an der Wolfgang-Früchtl-Straße in Neuhausen, gleich neben einer Nachbarschaftsgaststätte namens Weiß Blau, Tellerfleisch mit Salzkartoffeln für 6,90 Euro. Vor ihrem Laden versammeln sich am Freitagabend ungefähr 100 Menschen. Sie sind gekommen, weil sie große Sorge haben um ihre Wohnungen, um die über Jahrzehnte gewachsene Nachbarschaft. Es sind Mieter der Baugenossenschaft München-West des Eisenbahnerpersonals, die vor einem gewaltigen Problem steht.

Die Wohnungen gehören zwar der Genossenschaft, doch der Grund, auf dem sie gebaut sind, ist Eigentum des Staates, genauer gesagt des Bundeseisenbahnvermögens (BEV). Vom Jahr 2025 an laufen die Erbpachtverträge aus. Die Genossenschaft könnte die Grundstücke kaufen, allerdings, gemäß einem vom BEV in Auftrag gegebenen Gutachten, zu einem Preis von 7000 Euro pro Quadratmeter. Macht für zwei Grundstücke mit 503 Wohnungen insgesamt 128 Millionen Euro – das ist für die Genossenschaft unbezahlbar.

Mindestens sieben Münchner Genossenschaften stehen vor diesem Problem. 3000 Wohnungen könnten davon betroffen sein, schätzt Roland Beck, Vorstand der Eisenbahnergenossenschaft München-West. Bezahlbare Wohnungen, die irgendwann nicht mehr bezahlbar sein könnten. Zumindest nicht für die Menschen, die heute noch darin leben.

Sollte das Bundeseisenbahnvermögen die Grundstücke tatsächlich meistbietend verkaufen, droht eine Übernahme durch private Investoren. Man muss keine hellseherischen Fähigkeiten besitzen, um zu prophezeien, dass bezahlbare Wohnungen für mittlere und untere Einkommensschichten dann wohl kaum oberste Priorität hätten. “Wiederholung des GBW-Skandals steht vor der Tür”, haben die Grünen denn auch über ihre Einladung geschrieben. Die Vorsitzende des örtlichen Bezirksausschusses, Anna Hanusch, hat dabei Verstärkung vom Bundestagsabgeordneten Dieter Janecek und der Fraktionsvorsitzenden im Landtag, Katharina Schulze, bekommen.

Schon vor Wochen haben die Grünen-Politiker Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) aufgefordert, eine Lösung für den Erhalt der Genossenschaftswohnungen zu ermöglichen. Zwei Briefe blieben bislang unbeantwortet. Am Freitagabend sind sie in die Wolfgang-Früchtl-Straße gekommen, um die Mieter ihrer Unterstützung zu versichern. “Ich bin froh, dass Sie das Thema ganz klar artikulieren”, sagt Janecek. Bezahlbarer Wohnraum gehe alle an, das Thema sei mittlerweile auch in Berlin angekommen. Hanusch weist darauf hin, dass die Stadt für das Gebiet eine Erhaltungssatzung prüfe – diese würde Investoren zumindest einige Schranken auferlegen. Doch gelöst werden muss das Problem auf Bundesebene. “Ich hoffe, dass sich die verschiedenen Akteure nun nicht den Schwarzen Peter zuschieben, sondern sich gemeinsam aufraffen.”

Neben den Politikern steht Petra Kozojed, die flippige Friseurin, ihr linker Fuß steckt in einem grünen Schuh, der rechte in einem roten, sie tritt auf und ab. Vor elf Jahren ist Kozojed mit ihrem Salon in das Haus gezogen. Weil es keinen Aufenthaltsraum gibt, gehört zu dem gepachteten Ladengeschäft auch eine Wohnung. Ein Glücksgriff, für den Weg zum Arbeitsplatz braucht sie rund 30 Sekunden.

Zusammen mit Vincent Münsch hat Kozojed eine Mietergemeinschaft gegründet, ganz einfach, sagt sie, “weil ich hier wohnen bleiben will”. Sie sind von Haus zu Haus gegangen und haben Unterschriften für ihre Sache gesammelt. Gar nicht so leicht, merkten sie dabei, Menschen zu mobilisieren – sogar wenn diese selbst betroffen sind. Trotzdem haben sie mittlerweile mehr als 1000 Unterschriften beisammen. Und in Petra Kozojeds kleinem Friseursalon laufen nun die Fäden zusammen, die Sorgenfäden, aber auch die Hoffnungsfäden.

Auf dem Bürgersteig wird Roland Beck umzingelt, von Menschen und Fragen. Beck ist Betriebsratsvorsitzender bei der DB-Systemtechnik und nebenamtlicher Genossenschaftsvorstand. Was passiert wann, wollen die Leute wissen, wie akut ist das Problem? Ein Mann stellt die Frage, was passiert, wenn die Grundstücke an Investoren verkauft werden: “Können die dann abreißen und weiße Würfel draus machen wie am Hirschgarten, so richtig rotzeteuer?” Wenn die Genossenschaften wegbrechen, befürchtet er, “dann gibt’s dieses Viertel nicht mehr”. Dann würde sich auch in Neuhausen jenes Phänomen ausbreiten, das ein bisschen klingt wie eine ansteckende Krankheit: die Gentrifizierung.

Ein Rundgang mit Roland Beck durch die Wohnanlagen: Die Genossenschaft München-West des Eisenbahnerpersonals wurde 1908 gegründet, damals entstanden auch die hellgelben Wohnblöcke an der Schlörstraße, Sedlmayrstraße, Donnersberger- und der Schluderstraße. Noch immer wohnen viele Bahnmitarbeiter in den Wohnungen, die ansonsten auch an “verwandte Berufsgruppen” vergeben werden, wie Beck erzählt: öffentlicher Dienst, Polizei, Feuerwehr.

Die Mieten sind günstig, im Durchschnitt bezahlen die Bewohner neun Euro netto kalt. Vor über 100 Jahren wurde großzügig gebaut, es gibt weitläufige Innenhöfe. Würde man abreißen, höher und dichter neu bauen, schätzt Beck, könnten bis zu 900 Wohnungen entstehen, statt wie jetzt rund 500.

Dass es so nicht kommt, dafür kämpfen sie: Petra Kozojed, Vincent Münscher und ihre Mitstreiter. Damit sie in ihrem Viertel bleiben können. Und damit in München bezahlbarer Wohnraum erhalten bleibt.

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