Es wird auf jeden Fall Gewinner und Verlierer der Krise geben

Interview mit Nicole Hänel

Gewinner und Verlierer der Krise, Interview mit Nicole Hänel
Foto: Mirjam Knickriem

Frau Hänel, Ihre Unternehmensgruppe ninepoint consulting bietet Cashback- und Kundenbindungsprogramme sowie eFulfillment-Dienstleistungen für IT-Hardware-Konzerne auf internationalem Level an. Sie sind bereits weitgehend digital aufgestellt. Hat es für Sie in der Shutdown-Phase dennoch Herausforderungen gegeben, den Betrieb weiterzuführen?

Wir hatte in vielerlei Hinsicht Glück im Unglück. Unsere Kunden, für die wir tätig sind, haben in der Regel ihren Sitz in Asien, weshalb wir sehr schnell die Auswirkungen der Pandemie zu spüren bekamen. Bereits im Dezember merkten wir ein Zögern bei der Vergabe neuer Projekte.

Es war unser großes Glück, dass wir bereits im Laufe des letzten Jahres unsere Strukturen stark dezentralisiert haben. Die kontinuierliche Spezialisierung unserer Dienstleistungen hat bereits Anfang 2019 zu strategischen Entscheidungen geführt, die große Veränderungen mit sich gebracht haben: Einige Bereiche haben wir outgesourct und auch begonnen, ortsunabhängig nach neuen Mitarbeitern zu suchen. Diese Dezentralisierung, die natürlich nur durch entsprechende cloudbasierte, digitale Strukturen ermöglicht wurde, führte dazu, dass wir auch bei unseren Räumlichkeiten von einer großen, fest angemieteten Fläche auf ein Shared-Office-Konzept gewechselt sind, weil es deutlich mehr unserem schnellen Wachstum und auch Wandel entspricht.

All diese Entscheidungen, die wir bereits lange vor Corona getroffen haben, haben uns jetzt im Shutdown sehr geholfen. Viele unserer Mitarbeiter haben bereits im Homeoffice gearbeitet, jeder Mitarbeiter hat einen von uns eingerichteten Arbeitsplatz zu Hause. Weiterleitungen der Telefone, Zugriff auf die relevanten Projektdaten von unterwegs und Tools für Videocalls oder das Teilen von Arbeitspaketen; all diese Maßnahmen halfen uns, den Shutdown im Daily Business ohne Hürde zu meistern.

Herausforderungen gab es aber natürlich auch in unserem Unternehmen. Aufgrund des weltweiten Shutdowns wurden als erstes die Marketing- und Promotion-Maßnahmen unserer Kunden zurückgefahren, was wir an unserer Jahresplanung sofort gemerkt haben. Die für das erste und zweite Quartal geplanten Aktionen wurden größtenteils gecancelt. Darüber hinaus gehören die großen eSport-Events in Europa ebenfalls zu unseren Spielwiesen, auf denen wir für unsere Kunden Aktionen durchführen. Aufgrund von Corona müssen wir hier mit einem Totalausfall für 2020 rechnen. Um diese Umsatzeinbußen auszugleichen, mussten auch wir einen Antrag auf Corona-Hilfe stellen.

Welche Erfahrungen haben Sie und Ihr Netzwerk mit den Corona-Soforthilfen und -krediten gemacht?

Wir haben uns direkt zu Beginn der Pandemie um einen KfW-Unternehmerkredit bemüht. Hier war unsere Hausbank sehr hilfreich, die uns bei der Beantragung half und auch die entsprechenden Berechnungsgrundlagen zur Verfügung stellte für Liquiditätsbedarf, den zu erwartenden Schaden durch Corona und den dadurch entstehenden Finanzierungsbedarf. Die Bewilligung des Kredites hat dann am Ende etwas länger gedauert als erwartet. Bei uns waren es knapp zwei Monate. Durch eine umsichtige Planung und eine spontane Erweiterung unseres Dienstleistungs-Portfolios konnten wir diese Wartezeit aber trotz der Einbußen gut überbrücken.

Wie können sich Unternehmen in der Rezession neu ausrichten, um z. B. von der schnellen Akzeptanz digitaler Lösungen zu profitieren?

Meine Hoffnung ist, dass viele Unternehmen die Vorteile eines cloudbasierten, vernetzten Arbeitens aus der Krise mitnehmen. Nichts ersetzt am Ende ein persönliches Treffen und auch ein Team arbeitet am Ende am effektivsten, wenn es sich auch regelmäßig trifft. Aber statt zum Beispiel für ein Meeting nach Stockholm zu fliegen, tut es auch ein Videocall. Und wenn man qualifiziertes Personal sucht, ist es doch gut, wenn man auch mal in Hamburg oder München nach einem geeigneten Kandidaten schauen kann und nicht nur auf die eigene Stadt begrenzt ist. Außerdem bieten die Homeoffice-Lösungen viele Möglichkeiten für ein flexibleres Arbeiten.

Wir merken im eFulfillment-Bereich auch eine noch stärkere Zentrierung auf den Online-Handel. Es bleibt abzuwarten, ob sich dieser Trend nach der Lockerung der Corona-Maßnahmen weiter fortsetzt. Ich gehe davon aus.

Ist die Corona-Krise ein grundlegender Wendepunkt, weil die Abhängigkeit von internationalen Lieferketten offenbar geworden ist?

Das hängt sicherlich stark von der Branche ab. In bestimmten Bereichen, wie wir es beispielsweise gerade bei der Schutzausrüstung sehen, wird es in Zukunft notwendig und sinnvoll sein, eigene Ressourcen aufzubauen und hier auch den Aufbau einer eigenen Produktion zu fördern, um nicht von internationalen Lieferketten abhängig zu sein.

In anderen Bereichen wie beispielsweise in der Hardware-Herstellung wird es sicherlich keine grundlegende Veränderung geben, was die Produktionsorte betrifft.

Aber hier arbeiten Unternehmen wie unseres an neuen Vertriebs- und Distributionswegen, die nicht mehr starr und linear, sondern dezentral und vernetzt angelegt sind. Mit so einem dezentralen Logistik- und Distributionssystem kann KI-gestützt und in Echtzeit immer die optimale Lieferkette für Hersteller, Händler und Endkunde gefunden werden, auch wenn Lieferwege gestört werden wie in den letzten Monaten.

Unternehmen werden sich darauf einstellen müssen, dass die Krise vor allem im Handel die Voraussetzungen verändert. Der Wunsch nach einem stärkeren regionalen und lokalen Ansatz wird lauter, die Kritik an einer unhinterfragten Globalisierung größer. Die Frage wird sein, wie schnell sich vor allem große, internationale Unternehmen an diese Bedürfnisse anpassen können und wollen. Es wird auf jeden Fall Gewinner und Verlierer der Krise geben, die sich dadurch unterscheiden, wie gut sie mit der neuen Situation umgehen und wie schnell sie sich auf die Veränderungen einstellen können.

Change-Management war in den letzten Monaten nicht auf die Digitalisierung beschränkt. Unternehmen mussten kurzfristige Lösungen entwickeln, um die Auswirkungen der Krise abzufedern. Dabei wurde mehr Mut zu neuen und kreativen Wegen gezeigt. Wird diese Offenheit für Neues anhalten, wenn die Pandemie überstanden ist?

Das bleibt zu hoffen. So schlimm die Pandemie auch ist: Sie ist vor allem disruptiv. Unternehmen wie auch die Gesellschaft allgemein musste eine Flexibilität und Schnelligkeit bei Entscheidungen zeigen wie schon sehr lange nicht mehr. Als Unternehmerin sind Entscheidungen das tägliche Brot, aber auch die größte Herausforderung. Schon ohne Krise ist es schwer, jeden Tag Entscheidungen zu fällen auf Basis der an diesem Tag vorliegenden Informationen. Häufig ist es dann so, dass man ein halbes Jahr später weiß, dass eine andere Entscheidung besser gewesen wäre und man denkt “ja, hätte ich damals das und das schon gewusst, dann wäre die Entscheidung anders ausgefallen”. Die Pandemie und die damit verbundenen Shutdown-Maßnahmen waren eine weitere, sehr große Unbekannte, die uns alle gezwungen hat, schnell Entscheidungen zu treffen, ohne groß abwägen zu können. Erstens weil die Zeit fehlte und zweitens, weil keiner absehen konnte und kann, wie lange wir noch unter eingeschränkten und veränderten Bedingungen leben und arbeiten.

Je agiler und flexibler ein Unternehmen aufgestellt ist, desto besser wird es mit der Krise und auch nach der Krise klarkommen. Große Konzerne werden sich dabei sicherlich aufgrund der vorhandenen, starren Strukturen schwerer tun als junge, kleinere Unternehmen. Die Fähigkeiten, die wir in den letzten Wochen erworben haben, werden uns dabei helfen. Sie helfen, eine transparentere und kritische Liquiditäts- und Rentabilitätsplanung zu erstellen und dabei, das eigene Businessmodell flexibel zu betrachten. Wir sind beispielsweise in der Krise eine Kooperation mit einem textilverarbeitenden Unternehmen eingegangen, um Stoffmasken vertreiben zu können. Diese Vorgänge hätten vorher vermutlich einige Monate gedauert, nun war alles deutlich unbürokratischer. Ich wünsche mir, dass uns diese Flexibilität erhalten bleibt.

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